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FilmTonArt 2016: Noch ein Tag

Rubinrot (2013), Saphirblau (2015) und Smaragdgrün (2016): Mit dem Kinostart von Smaraddgrün am 7. Juli haben Felix Fuchssteiner und Katharina Schnöde (Regie, Produktion, Drehbuch) den größten deutschen Filmdreiteiler seit Sissi vollendet. Die Musik zu allen drei Verfilmungen der „Liebe geht durch alle Zeiten“-Trilogie von Kerstin Gier ist Philipp Fabian Kölmel. Bei FilmTonArt wird er mit seinen beiden Regisseuren; Tonmeister Peter Fuchs und Schauspielerin Laura Berlin auf dem Podium sitzen und abschließend über die Arbeit an allen drei Filmen und über „Hollywood-Sound eine deutsche Fantasy-Filmtrilogie“ reden.

Anlässlich zum Kinostart von Rubinrot sprach die Cinema Musica mit dem Komponisten. Bevor Sie hören, was er über die vollendete Reise zu berichten weiß, lesen Sie hier, was er zu deren Beginn gesagt hat.

Cinema Musica: Rubinrot erzählt, wie es der Titel der dem Film zugrunde liegenden Romanreihe sagt, die Geschichte einer Liebe durch die Zeiten. Das klingt nach viel Raum für unterschiedliche Musik.

Philipp Fabian Kölmel: Das könnte man meinen. Aber bei Rubinrot sollte die Filmmusik immer aus der Sicht der Protagonisten Gwendolyn und Gideon, also aus der Jetzt-Zeit eingesetzt werden. Bei den Hauptdarstellern ändert sich nur das Kostüm, nicht aber ihre Sichtweise, wenn sie durch die Zeit springen. Das fasziniert auch an der Romanreihe; wie würden wir uns verhalten, wenn wir plötzlich in die Vergangenheit springen könnten.
Es gibt, außer ein paar On-Screen Musiken, keine historisierenden Score-Elemente. Das Instrumentarium ist durchweg „modern“, nämlich großes Orchester, Chor, Klavier und Elektronik.
In einer frühen Phase der Film-Vorproduktion hatte ich den Vorschlag gemacht, doch mit Barockinstrumenten zu arbeiten. Aus heutiger Sicht bin ich aber froh, dass ich damit beim Regisseur Felix Fuchssteiner nicht punkten konnte und wir schließlich bei einem zeitlosen Hollywood-Score gelandet sind. Denn Rubinrot ist als Fantasy-Film im internationalen Stil angelegt.
Trotzdem ist die Musik vielschichtig, also nicht unanspruchsvoll, denke ich. Es gibt ein immer wiederkehrendes Liebesthema, vom Klavier mit Streicherbegleitung gespielt. Dann ein Kontrabaß-Kontrafagott-Motiv, welches ich bei der Loge und dem Grafen von St. Germain eingesetzt habe. Der Geist James bekam ein Cembalo-Thema. Zwei weitere musikalische Themen stehen für das Geheimnis, welches Gwendolyn umgibt; sie ist in der Mythologie des Romans der Rubin und ist un… nein das darf ich jetzt nicht verraten.

Wie war die Arbeit an Rubinrot? Was waren die besten, was die schwersten Momente?

Als Filmkomponist war für mich die Arbeit an diesem Fantasy-Abenteuer-Romantic-Movie auf jeden Fall eine besondere Herausforderung. In welchem anderen Genre darf man sonst mit fast ungezügelt großem Klang komponieren? Gerade in Deutschland haben es Genre-Filme schwer, weil dieses Feld von den amerikanischen Kollegen traditionell in höchster Qualität geliefert wird. Also ist es schon eine Seltenheit, an solch einen Film zu kommen, weil sich kaum eine deutsche Produktionsfirma an diese Stoffe heranwagt.
Angenehm und übrigens auch unüblich war, dass die kreative Kommunikation über die Musik einzig über den Regisseur lief und nicht über viele weitere Entscheider. Felix war zudem auch ausgesprochen zielsicher mit seinen dramaturgischen Entscheidungen.
Die Filmmusik zu Rubinrot ist recht komplex, aus unzähligen Spuren, sei es orchestral oder elektronisch, entstanden. Im Film sind rund 75 Minuten Score zu hören, das hat schon ziemlich viel Arbeit gemacht.

Wie bei fast jedem meiner Projekte, habe ich mich in der Zeit der ersten paar Entwürfe ziemlich gequält. Man geht durch ein großes Jammertal, wenn man diese Menge an zu komponierenden Noten vor sich hat und nur vage Ideen, wo die Reise hingehen könnte. Erst nach vielen Jahren der Arbeit als Filmkomponist habe ich akzeptiert, dass diese zum Teil doch recht deprimierende Phase einfach zur „Geburt“ einer Komposition gehört. Vielleicht wie die Wehen einer echten Geburt. Ein mir bekannter, sehr talentierter Kollege kam mit der eben erwähnten schmerzhaften Findungsphase nie wirklich zurecht und hat sich deshalb einen neuen Beruf gesucht.
Da ich mich dann doch immer wieder auf Ideen beim Komponieren verlassen kann, genieße ich inzwischen die qualvolle Zeit zu Beginn eines Projekts; sie gehört einfach dazu.

Ein Höhepunkt war auf jeden Fall die Orchesteraufnahme mit der Staatskapelle Weimar und die darauf folgende akribische Musikschnitt und -mischungszeit. Die Aufnahmen fanden mangels Alternativen im Volkshaus Jena statt, einem alten Konzertsaal, der uns mit großartiger Akustik belohnt hat. Leider ist der Saal nach draußen sehr hellhörig und ich hatte hin und wieder Mühe, mit beschwörenden Worten spielende Kinder oder Laub blasende Gärtner zu verscheuchen. Ein paar donnernde LKWs mussten wir später im Mix mittels Filter heraus zaubern. Durch mein Tonmeister-Studium habe ich gelernt, doch sehr genau hinzuhören, vielleicht manchmal zu kritisch, kleinste Probleme in der Musikmischung zu bemerken. Ich hoffe, dass ich meine Partner damit nicht zu sehr genervt habe. Zum Glück stand mir mit Peter Fuchs, ein Meister seines Fachs, für die 5.1-Musikmischung zur Seite. Wir haben 5 1/2 Tage mit dem Zusammenführen der Orchesteraufnahmen und mehr als 1000 weiteren Spuren aus dem Computer und der Verteilung im Raum verbracht. Eine Arbeit, die sich für die Qualität des Klangbildes absolut ausgezahlt hat. Durch das Digitalkino mit seinem unkomprimiertem Tonformat ist der Anspruch auf der Toneben noch mal gestiegen. Das finde ich gut.

Wie lange haben Sie insgesamt daran gearbeitet?

Felix Fuchssteiner und seine Partnerin Katharina Schöde von mem-film, mit denen ich schon seit der Hochschulzeit zusammenarbeite, haben mich sehr früh in das Projekt eingeweiht. Sie haben die Verfilmungsrechte an Rubinrot erworben, bevor der Roman bzw. die Romantrilogie von Kerstin Gier ein derartiger Erfolg geworden ist. Tatsächlich angefangen habe ich aber erst zu den ersten geschnittenen Filmszenen des Cutters Wolfgang Weigl, mit dem ich in regem Austausch stand. Ich musste in jedem Fall den Look des Filmes sehen und die Schauspieler kennenlernen, um das Gefühl zu bekommen, welche Musik nun wirklich passen könnte.
Mit kurzen Unterbrechungen habe ich unterm Strich rund sieben Monate bis zur Abgabe des Masterbandes an der Musik gearbeitet. Die Erstellung der Soundtrack-CD hat noch mal etwa 100 Stunden in Anspruch genommen. Das kommt schnell zusammen durch den 5.1-Downmix auf Stereo, die Kompilation und der Zusammenschnitt der Titel, die Titelbenennung und das Mastering, schließlich die Kommunikation mit Sony Classical. Am meisten Zeit habe ich gebraucht, sinnvolle Lautstärkenhüllkurven in die Musik zu zeichnen, weil die Dynamik der Musik in der Kinofassung doch sehr hoch ist. Da die Fangemeinde der Buchreihe sich sehr intensiv mit allem, was mit Rubinrot zusammenhängt, befasst, stand ich in der Verantwortung, die Qualität und den Unterhaltungswert der CD hoch zu halten. Inzwischen haben sich die CD und die non-physischen Tonträger für Soundtrack-Verhältnisse sehr gut verkauft, was mich freut, da es bedeutet, dass die Musik nicht nur ein Teil des Films, sondern auch Teil der gesamten „Liebe geht durch alle Zeiten“-Welt geworden ist.

Wie sind Sie auf die Staatskapelle Weimar, mit der Sie die Musik eingespielt haben, gekommen?

Ursprünglich bin ich, wie die meisten meiner Kollegen, an die Osteuropäischen Orchester herangetreten. Von Seiten der Produzenten (Lieblingsfilm) kam dann aber als Vorgabe, Fördergelder der Mitteldeutschen Medienförderung (MDM) als „Regionaleffekt“ auszugeben. Es ergab sich, dass im Bundesland Thüringen noch am ehesten Zuschüsse der Filmförderung verwendet werden musste. Das Orchester-Aufnahmeteam „Genuin Recordings“ aus Leipzig, welches schon zahlreiche Games-Scores aufgenommen hat, half mir mit Kontakten zur Orchesterszene in der Region. Es war ein unglaublicher Glücksfall, dass sich das einzige A-Orchester Thüringens, also die traditionsreiche Staatskapelle Weimar, fünf Tage mit insgesamt sieben Sessions kurz vor Saisonbeginn im September 2012 freischaufeln konnte. Das Orchester hat mit einer beeindruckenden Intensität gespielt und das, obwohl es bisher erst zwei Credits im Filmbereich hat (z.B. Henning Lohners Lauras Stern und der Drache Niang). Das liegt sicher daran, dass eine Terminanfrage lange Vorlaufzeit braucht. Ich bin der Meinung, dass man mit einem eingespielten Orchester viel bessere Ergebnisse erzielen kann, als mit einem temporär zusammengestellten „Telefonorchester“. Zudem werden in Deutschland meist wertvollere, sehr gut klingende Instrumente verwendet.

Der Film arbeitet auch mit Originalsongs. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Sofi de la Torre?

Anfangs war geplant, dass ich auch Songs für den Film komponieren sollte. Katharina, Felix und ich haben dafür schon früh im Drehbuch nach passenden Passagen gesucht, emotionale Stellen mit wenig Dialog oder Filmcollagen. Im zweiten Schritt haben wir aber, da das Projekt Zielgruppen orientiert kommerzieller wurde, diverse Labels nach Pop-Newcomern konsultiert, bis Sony ATV die noch unbekannte spanische Singer-Songwriterin Sofi de la Torre empfahl und ihre Lieder Felix gefallen haben. Sofi hat ganz eigenständig mit ihrem Team fünf Songs für den Film komponiert und passend getextet. Auf dem Soundtrack sind vier dieser Songs zu hören.

Ein Film für junge Erwachsene und Teenager, gleichzeitig ein Abenteuerfilm, der auch den Anspruch hat, nicht nur in Deutschland zu laufen. Inwieweit waren da die Vorstellung von Produktionsseite eindeutig und inwieweit bot das noch Raum für eigene Ideen?

Klar hat man bei dieser Form von Kino ganz bestimmte Ziele. Natürlich auch kommerzielle Ziele. Die Musik sollte „bigger-than-life“ sein, was mir besonders Spaß macht. Rubinrot ist ein Film, der für das Kino geschaffen ist, also muss die Musik auch diesen Raum füllen. Der Score orientiert sich ganz klar an dem amerikanischen Genre-Kino aus Hollywood, sollte deshalb international klingen. Da ich schon parallel zum Dreh für erste Schnittfolgen komponieren konnte, waren kaum temp-tracks nötig. Insofern bestand auch nicht die Gefahr, dass ich nur etwa nachkomponieren sollte. Somit war ich eigentlich sehr frei mit der Arbeit. Meine MIDI-Layouts, die schon fast wie das aufgenommene Werk klingen, mussten nur Felix gefallen bzw. einfach dramaturgisch optimal sein, dass war die einzige, dafür nicht immer leichte Vorgabe.
Durch die große und internetaffine Fangemeinde der Buchreihe hatte ich ohnehin verstärktes Interesse daran, ein genuines Werk zu schaffen. Denn man kann sich kaum vorstellen, wie detailverliebt, emotional und leidenschaftlich die Fans sind und im Internet kommunizieren. Das war für mich eine besondere Erfahrung.

Der Roman Rubinrot ist nur der erste Teil einer Trilogie. Sind die anderen beiden Teile in Planung? Sind Sie wieder dabei?
Wer den Film gesehen hat, dem ist sicher aufgefallen, dass das Filmende wie ein Trailer zum nächsten Teil angelegt ist. Ein Drehbuch für den zweiten Teil existiert schon. Bisher bin ich allerdings noch nicht für Saphirblau (also dem zweiten Teil) angefragt worden. Ideen für den Score dazu, hätte ich schon etliche.
Jetzt freue ich mich erst mal, dass ich mit Rubinrot zum „German Film Music Day“ während der Filmfestspiele Cannes und Ende Oktober zu den „6. Filmmusiktagen Sachsen-Anhalt“ nach Halle eingeladen wurde. Das Thema in diesem Jahr in Halle ist passend dazu „WunderWelten, Märchen-Mythen-Fantasy“.

Vielen Dank für die Antworten.